KUNST RAUM VILLACH HAUPTPLATZ 10, 9500 VILLACH

Impressionen von der Vernissage

VOM SONNTAGSMALER ZUM AKADEMISTEN

WAS IST KUNST

 

Die Eigenheiten der Kärntner Kunstlandschaft beschäftigen Kuratorin Olivia Clementschitsch vom KUNST RAUM VILLACH und Dr. Karin Hafner schon seit längerer Zeit. In Kärnten sind viele Dinge möglich, die anderswo verpönt wären. So bietet diese Ausstellung, eine großartige Kooperation des Vereins unikART und des KUNST RAUM VILLACH, einen besonders spannenden Querschnitt. Hier sind alle Spezies von Kärntner Kunstschaffenden – an staatlichen Akademien ausgebildete Profikünstler, Autodidakten und Hobbymaler – vertreten. So hat das interessierte Publikum die Möglichkeit zum Vergleich und bekommt von uns durch diesen Katalog und die kunsthistorische Eröffnungsrede fachliche Informationen zur Verfügung gestellt.

 

In diesem Sinne: Was ist Kunst – für Sie? Tauchen Sie ein in die Kunstschauplätze und finden Sie es heraus.

 

Dr. Karin Hafner, Kunsthistorikerin
Februar 2015

 

 

Vernissage am 12. Februar 2014 ab 19:00 Uhr

Begrüßung: Bürgermeister Helmut Manzenreiter

Zur Eröffnung spricht: Dr. Karin Hafner (Kunsthistorikerin)

 

Ausstellungsdauer: 13. Februar 2015 19. April 2015

in Kooperation mit

 

 

 

Was ist Kunst? Vom Sonntagsmaler zum Akademisten.

(Eröffnungsrede)

 

Die Eigenheiten der Kärntner Kunstlandschaft beschäftigen Olivia Clementschitsch und mich nun schon seit längerer Zeit. Als ich nach 15 Jahren aus der Grazer Kunst- und Kulturszene zurück nach Villach kam, staunte ich nicht schlecht, welch bunte Mischung hier oft herrscht.

Zuvor hätte ich es kaum für möglich gehalten, dass z. B. ein akademisch ausgebildeter Künstler, der bei Maria Lassnig studiert hat, bei einer Veranstaltung wie gemmakunstschaun seine Werke in einem Kontext, der abseits der Szene der renommierten Galerien steht, neben die Bilder von Autodidakten hängt.

Hier bei uns gibt es das. Und es scheint auch nicht viele Leute zu verwundern. In Kärnten sind viele Dinge möglich, die anderswo verpönt wären – der Süden ist anders. Und das macht ihn spannend.

Im Herbst haben Olivia und ich die erste Künstlerliste für diese Ausstellung geschrieben und heute stehen wir in diesem wunderbaren Querschnitt durch die unterschiedlichen Zugänge im Kunstschaffen von Kärntner Künstlern: von Autodidakten, fachlich ausgebildeten Künstlern und Absolventen staatlicher Akademien.

 

Das bietet uns die Möglichkeit zum Vergleich. Während der Vorbereitung auf diese und auf die kommende Woche folgende Ausstellung „Kunstschauplätze“ im KunsthausSudhaus sind mir die Unterschiede in den Herangehensweisen der Künstler klar vor Augen geführt worden.

Ich wollte die Frage „Was ist Kunst?“ hier keinesfalls mit einer aus Büchern gezogenen philosophischen Abhandlung beantworten – sondern festhalten: welche Unterschiede sehe ich vor mir?

 

Jemand, der „Künstler“ als Beruf wählt, die Aufnahmeprüfung auf eine der staatlichen Akademien schafft, diese auch abschließt und dann von der Kunst leben will, hat sich einen sehr, sehr harten Weg ausgesucht hat. (Das ist fast genauso schwierig, wie von der Kunstgeschichte zu leben – aber Scherz beiseite). In der Folge geht es nicht nur darum, durch die künstlerische Tätigkeit Geld zum Leben zu lukrieren, sondern vor allem, dies auf die richtige Art zu tun und sich einen ernst zu nehmenden Ruf in der Szene aufzubauen und sich nicht durch unüberlegte Aktivitäten den Weg zu einer eventuell internationalen Karriere zu verbauen. Einige der Anwesenden wissen, wovon ich rede und ich weiß, was für Opfer Ihr bringt, um genau das tun zu können, was Ihr tun MÜSST. – Denn ich glaube, das ist eines der Merkmale eines Vollblutkünstlers: er MUSS. Sonst nimmt man dies Alles nicht auf sich.

 

Ich sage damit NICHT, dass der Weg eines autodidakten Künstlers zum fertigen Kunstwerk mit weniger Herzblut und Leiden verbunden ist – ich glaube aber: es ist mehr ein WOLLEN als ein MÜSSEN.

 

Für die Arbeit an dem Katalog zur Ausstellung „Kunstschauplätze“ bekam ich die Biografien und Werke von mehr als 30 Künstlern vorgelegt. Ich hatte auch die Möglichkeit zu Künstlergesprächen, da ich einige der Ausstellenden schon länger und aus vorhergehenden Kooperationen kenne.

 

Was mir auffiel:

Viele Autodidakten, egal ob nun Maler, Fotograf oder Bildhauer, sehen ihre künstlerische Tätigkeit als Ausdruck oder Bewältigung von EMOTIONEN und MOMENTEN. Diese Worte kommen sehr oft vor. Genauso wie SELBSTFINDUNG. Ich habe noch nie in der Vita eines akademischen Künstlers von Emotionen und Selbstfindung gelesen.

 

So wage ich den Schluss: Menschen, die erst später in ihrem Leben zur künstlerischen Ausdrucksform finden – oder dies parallel zu ihren oft ganz anders gearteten Berufen tun – und plötzlich zu malen beginnen, für die ist Kunst etwas, das ihnen das Leben erleichtert und verschönert. Oft dient Kunst da auch als Therapie nach privaten Schicksalsschlägen. Mit Begeisterung belegen sie Kurse, die oft ebenfalls von Autodidakten abgehalten werden und lernen neue Techniken. Sie bilden sich mit großem Eifer fort.

 

Es entstand für mich der Eindruck, dass sie ihre Selbstdefinition als Künstler in jeder nur möglichen Weise dokumentieren wollen. Mit sehr viel Leidenschaft, Fleiß und Liebe wird hier an dem selbst geschaffenen „Künstler-Ich“ gefeilt und diesem möglichst viel an Beweismaterial hinzugefügt.

 

Der Hobbymaler wird am Wochenende beschwingt zum Pinsel greifen – Kunst ist für ihn ein Mittel, sein Wohlbefinden zu steigern.

 

Der Profikünstler, der sich die ganze Woche über unter dem Leistungsdruck, mehrere Ausstellungen parallel zu bespielen, mit der Produktion seiner Kunst und oft auch mit deren Vermarktung beschäftigt, tut dies in einem Ausmaß, das über normale Arbeitszeiten weit hinausgeht. Vielleicht überlegt er auch noch, wie er die Miete für sein Atelier in Wien bezahlen soll. Dieser Künstler wird am Wochenende gerne die Möglichkeit nutzen, einfach mal die Kunst Kunst sein zu lassen und z. B. auf ein Bier zu gehen oder sonstwas völlig Unkünstlerisches zu tun, um die Omnipräsenz seiner Berufung wenigstens kurz zu vergessen.

 

Zum vorhin schon erwähnten Stichwort „Selbstfindung“: Autodidakten und Hobbykünstler sind oft SUCHENDE – sie suchen ihre künstlerische Identität. Profikünstler müssen sich nicht finden, sie sind, was sie sind und müssen dies zum Ausdruck bringen und ständig weiterentwickeln. Sie nehmen oft von großem Verzicht geprägte Lebensumstände auf sich, um dieses MÜSSEN umsetzen zu können.

 

In ihrer Arbeit geht es vordergründig nicht um das Abbilden von persönlichen Emotionen, sondern um ein reflektiert transformiertes Darstellen von der Welt und der Zeit, die den Künstler umgibt.

 

Dies lässt allerdings NICHT die einfache Conclusio zu, dass es keine autodidakten Profikünstler gäbe und genauso wenig, dass Akademieabgänger emotionslose Kunstproduzenten sind. – Im Gegenteil, ein professioneller und viel beschäftigter Fotograf hat mir gegenüber einmal den schönen Satz geäußert: „Wer nicht tief im Innern ein loderndes Höllenfeuer hat, der hat das K-Wort nicht verdient.“

 

Unbestritten ist, dass es einen Kunstmarkt gibt– über den auch nur allzu oft geschimpft wird. Was ich für gedankenlos halte, denn wie sollen Künstler leben, wenn sie nichts verkaufen? Kaum ein Künstler kann sich täglich seiner Selbstvermarktung widmen oder seine eigene Galerie eröffnen, daher möchte ich auf jeden Fall die oft angefeindeten Galeristen in Schutz nehmen. Die haben es nämlich erfahrungsgemäß auch nicht leichter.

 

Häufig wird die Beschwerde vorgebracht, dass die Präferenzen des gehobenen Kunstmarkts von nur wenigen elitären Menschen diktiert würden und dass das alles nicht fair wäre: Ja, das mag sein. Aber wie bei jedem Markt herrscht auch auf diesem Selektion.

 

Die Frage ist vielmehr: WO will ich mitspielen? Will ich mich mühsam in die Spitzengalerien vorarbeiten? Oder kenne ich zufällig die sogenannten richtigen Leute und es ist daher gar nicht mühsam? Oder stelle ich lieber stressfrei im Foyer der Bankfiliale in meinem Heimatort aus, übe einen ganz anderen Brotberuf aus und bin damit glücklich und zufrieden?

Ich sage: Wie es Euch gefällt!

 

Und ja, es gibt Unterschiede, exorbitant große sogar – in den Ausbildungen der Künstler, in ihren Ausdrucksweisen, in den Vorlieben der Galeristen, Kunsthändler, des Publikums und der Käufer. Und das ist GUT SO! Kunst ist so vielfältig wie das Leben selbst.

 

So hat jeder von uns die freie Auswahl, welche Kunst sein Leben bereichern und ihn umgeben soll. Jeder von uns kann entscheiden: Was ist Kunst – für mich? Welche Kunstwerke berühren etwas in mir?

 

Genau dazu möchte ich Sie jetzt einladen und Sie auch zur demokratischen Abstimmung bitten. Der Medienkünstler Herwig Steiner hat ein von ihm kuratiertes Werk eines anonym bleibenden Künstlers in die Ausstellung eingebracht. Bitte fällen Sie Ihr Urteil:

 

JA, das ist ein Kunstwerk!

Damit wähle ich das Werk zur Kunst.

Es stammt von einem Künstler, Akademischen Maler.

 

NEIN, das ist kein Kunstwerk!

Damit wähle ich das Werk zur Nicht-Kunst.

Es stammt von einem Künstler, Sonntagsmaler.

 

Werfen den für Sie stimmigen der beiden Wahlzettel in die bereitgestellte Urne. Die Auswertung erfolgt am Ende der Ausstellung.

Zitat Herwig Steiner: „Der Ausgang der Wahl wird Einfluss auf Ihre jeweilige Stimmabgabe und vorige Einschätzung nehmen, egal, wie Sie abgestimmt haben.“

 

Karin Hafner

(Ich verzichte auf ge-genderte Ausdrucksweisen wie der/die und –Innen. Jegliche Substantiva sind gegebenenfalls männlich und weiblich zu verstehen.)